Mehr Fortbildung bitte!Wie man beim Chef offene Türen in Sachen Weiterbildung einrennt
Attraktives Gehalt, tolle Kollegen, super Stimmung - fragt man Absolventen oder Professionals, wie sie sich den idealen Job vorstellen, werden sie zweifellos diese Wünsche äußern. Für Liz Besems aus Nijmegen lief alles nach Plan. Nach dem International-Business-Studium in Rotterdam und Paris und einer ersten Berufsstation bei einem Softwarehersteller landete sie jüngst bei Philips in Eindhoven. Gemeinsam mit ihrem zehnköpfigen Team, darunter Kollegen aus aller Herren Länder, besucht sie vormittags ein interkulturelles Seminar in Straßburg, ehe sich der lustige bunte Haufen am Abend in die lebhafte Szene der Euro-Metropole stürzt.
Selbstverständlich ist es nicht, dass neue Mitarbeiter vom ersten Tag an so wie beim holländischen Elektronikkonzern auf ihre anspruchsvollen Aufgaben im internationalen Vertrieb und Marketing vorbereitet werden. Nicht selten fallen die Erfahrungen nach nur wenigen Wochen anders aus. Aufgaben, die sich stapeln und nicht wie geplant zu erledigen sind, dazu Druck von allen Seiten. Und die Weiterbildung, von der man sich so viel versprach, muss hinten anstehen. Im Vorstellungsgespräch hieß es doch: "Bei uns verlieren Sie nicht den Anschluss."
In seinem Metier auf der Höhe bleiben
"Muss ich mich damit abfinden?", fragen sich die Betroffenen. "Wie kann ich meinen Anspruch auf Weiterbildung unterstreichen, ohne mir gleich zu Beginn schon Minuspunkte einzuhandeln?" Ein solcher Vorstoß hat zweifelsfrei seine Berechtigung. Für immer mehr Absolventen und Young Professionals steht ganz oben auf der Prioritätenliste, sich im Beruf weiterentwickeln zu können. Je höher der formale Bildungsgrad, desto mehr Wert legen Bewerber auf Weiterbildungsangebote im Job, wie eine aktuelle Forsa-Umfrage unter rund 1000 Personen im Alter zwischen 20 und 40 ermittelte.
Den Vorgesetzten auf das Problem direkt anzusprechen ist die beste Lösung. Dabei sollte man sich nicht in Bockshorn jagen lassen, wie es Judith Peters widerfuhr. Die Junior-Controllerin, die nach dem BWL-Studium an der Fachhochschule Landshut bei einem Mittelständler ganz in der Nähe eingestiegen war, wähnte sich im falschen Film, als ihr Chef sagte: "Ich kann nicht auf Sie verzichten. Das schaffen Sie doch mit links." Dabei hatte Peters nur um die Teilnahme an einem Seminar gebeten, das exakt auf ihre fachlichen Defizite zugeschnitten war und ihr versprach, beruflich schneller voranzukommen.
Wie man typische Vorbehalte entkräftet
"Weiterbildung bringt doch nichts", lautet ein typisches Argument, mit dem Führungskräfte den Elan ihrer Mitarbeiter bremsen. So werden vorsichtige Annäherungsversuche bereits im Keim erstickt. Doch bange machen gilt nicht. Ist mit derlei Standardantworten zu rechnen, sollte man seinen Standpunkt selbstbewusst mit den richtigen Argumenten vertreten. Kluge Vorbereitung hilft: Ehe ich den Chef mit meinem Weiterbildungswunsch konfrontiere, sollte ich auf jegliche Reaktion gut vorbereitet sein.
Dieser Strategie vertraute Mario Küsters, Systemingenieur bei einem amerikanischen IT-Dienstleister in Frankfurt. Der Informatiker ist unter der Woche bei Kunden, wo er für Durchblick im digitalen Chaos sorgt. Immer wieder fällt ihm auf, dass über den konkreten Projektauftrag hinaus Arbeit anfällt. "Ich erfahre oft, dass es neue und interessante Ausschreibungen gibt." Mit einer speziellen Zertifizierung, die ihm neben seinen Kernaufgaben auch in benachbarten Bereichen zugute kommt, könnte er vielleicht den ein oder anderen neuen Auftrag an Land ziehen, lautete Küsters Plan.
Weiterbildung bringt auch die Firma weiter
Wie nicht anders zu erwarten, rannte er mit dieser Idee beim Vorgesetzten offene Türen ein. Für Elisabeth Heinemann, Coach aus Darmstadt, ist das auch kein Wunder. Demnach hat der IT-Experte gleich in mehrfacher Hinsicht den richtigen Ansatz gefunden. Küsters hat über den Tellerrand geschaut, "Cross-Selling" nennt Heinemann das. "Wenn ich nur mein Kerngeschäft kenne und beherrsche, dann kann ich dem Kunden auch keine Lösung für ein Problem anbieten, von dem er möglicherweise noch gar nicht weiß, dass er es hat." Kurz: Küsters ergänzt den Kenner- durch den Insiderblick und entwickelt sich so zum Verkaufsprofi.
Voraussetzung dafür ist laut Heinemann eine Kundenorientierung, die gewiss nicht jedem Informatiker in die Wiege gelegt worden ist. Küsters denkt von der Warte des Kunden aus und kann deshalb auch Lösungen vorschlagen, die tatsächlich von Nutzen sind. Ein riesiger Vorteil. "In Zeiten vergleichbarer Produkte und Dienstleistungen", erläutert Heinemann, "sind funktionierende Kundenbeziehungen ein zentrales Alleinstellungsmerkmal."
Wertvoller Vertrauensbeweis
Dank solcher Überlegungen brauchte Küsters nicht lange mit seinem Chef über die Weiterbildung zu diskutieren. Den Ausschlag gab, dass er seinen Nutzen und den Vorteil für das Unternehmen herausstellen konnte. Mit einer Investition in die Schulungsmaßnahme, argumentierte er, nähmen die Chancen der Firma zu, bei entsprechenden Ausschreibungen die Nase vorn zu haben. "In unserer Branche ist jeder Mitarbeiter mit seinem Qualifikationsgrad Aushängeschild der Firma", erläutert Küsters. "Dank einer Fortbildung kann man den Umfang von Projekten positiv beeinflussen oder sogar neue Projekte gewinnen."
Nicht nur das: Als "Multiplikator" kommt Küsters laut Heinemann noch eine weitere Rolle zu, von der sein Arbeitgeber profitiert. Nicht nur weil sich die Firma dank ihres höher qualifizierten Mitarbeiters zusätzliche Einnahmequellen erhofft. Küsters kann auch als interner Trainer fungieren und sein Wissen an Kollegen weitergeben. Nicht zuletzt erweist er sich durch seinen "unternehmerischen" Blick als loyaler Mitarbeiter. Weil er seine Wünsche sowohl als IT-Experte wie auch betriebswirtschaftlich begründet, liefert er seinem Arbeitgeber einen Vertrauensbeweis. "Ich habe vor, noch viele Jahre zu bleiben. Dazu will ich mich auch weiterentwickeln."
Bloß nicht den Chef an der Nase herumführen
Bewegen sich beide Parteien aufeinander zu, stärken sie auch ihr loyales Verhältnis. Leider kann Küsters Beispiel nicht darüber hinwegtäuschen, dass Weiterbildungswünsche hier und dort unprofessionell vorgetragen werden. Am dümmsten stellt sich laut Heinemann an, wer den Arbeitgeber an der Nase herumführen will.
Eine Weiterbildungsmaßnahme sollte für denjenigen eigentlich tabu sein, der kurz vor dem Absprung ist. "Weiterbildung ist eine Investition, die eine Zeit dauert, bis sie sich amortisiert oder gar Gewinn abwirft", stellt Heinemann klar. Sagt der Mitarbeiter vorher adieu, wird das Unternehmen nicht einfach klein beigeben - und womöglich mit einem folgenträchtigen Hinweis im Arbeitszeugnis reagieren.
Von Winfried Gertz, freier Journalist
Feedback: redaktion@access.de
» weitere Karriere-News