Bei facebook teilen Bei twitter teilen Bei google plus teilen
Seite drucken Seite senden Bei facebook teilen Bei twitter teilen Bei Xing teilen Bei LinkedIn teilen Bookmark setzen


Wie man offene Türen einrennt

Bewerben im Ausland

Endlich das Examen in der Tasche, die Welt gehört nun mir. Wenn sich Bewerber für den Berufseinstieg im Ausland entscheiden, unterstreicht das ihre positive und optimistische Grundeinstellung, die zweifellos jeder Arbeitgeber gut gebrauchen kann. Gewiss zählt auch etwas Abenteuerlust dazu, in ferne Länder auszuschweifen. Wer seine Karriere ernsthaft in der Fremde starten will, sollte allerdings gut vorbereitet auf die Reise gehen. Denn so strukturiert und formalisiert wie in Deutschland ist der Bewerbungsprozess nirgendwo. Und kulturbedingte Tücken lauern überall.

Hong Kong, Sydney, San Francisco

Wer gerät bei solchen Destinationen nicht gleich ins Schwärmen? Einige Jahre dort zu arbeiten, wo andere ihren Urlaub verbringen, klingt in der Tat verlockend. Das dachte sich auch Karl-Heinz Schmidt, 24, als er nach zügig und mit besten Noten absolviertem Maschinenbaustudium in Mexiko City strandete. Ein mexikanischer Vertriebsingenieur, den er auf der Hannover Messe kennen lernte, wo sich Schmidt über Einstiegschancen bei Firmen aus Übersee erkundigte, hatte ihm seine Visitenkarte überreicht. "Wir suchen immer gute Leute aus Deutschland." Deutsche Ingenieurkunst - Made in Germany - hat nach wie vor einen guten Klang.

Doch die Euphorie währte nur kurz

Im Vorstellungsgespräch, das sein Gewährsmann in wenigen Tagen organisierte, kam es zum Eklat. Als der Kandidat auf die Frage, wie es ihm in Mexiko gefällt, statt zu antworten einen Kreis aus Daumen und Zeigefinger bildete, war das Interview schon beendet, kaum dass es begonnen hatte. War sich Schmidt sicher, die in Deutschland bekannte Geste würde auch sein Gegenüber hellauf begeistern, lief dessen Gesicht nur zornesrot an. Was bei uns "hervorragend" bedeutet, handelt sich in Griechenland oder der Türkei um eine sexuelle Beleidigung. In Mittelamerika besagt diese Geste: "Halt endlich deinen Mund."

Kein Einzelfall

Nicht nur Berufseinsteiger tapsen ins Fettnäpfchen. "Selbst berufserfahrene Experten brüskieren ihre Gesprächspartner im Ausland, wenn sie für kulturelle Unterschiede nicht hinreichend sensibilisiert worden sind", warnt Marion Dathe, Dozentin für interkulturelle Wirtschaftskommunikation an der Universität Jena. Nicht nur Flapsigkeit hat ihre Tücken. Selbst Geradlinigkeit, Disziplin und Sachlichkeit stehen bisweilen der Karriere im Weg.

"Gerade Deutsche", erläutert die Unternehmensberaterin Hanne Seelmann-Holzmann, "wollen unbedingt ihre weltberühmte Effizienz unter Beweis stellen und sofort auf die Sachebene wechseln, kaum dass sie ins Gespräch gekommen sind." Auf Chinesen etwa, die sich niemals ein böses Wort erlauben würden und obendrein in jeder Situation freundlich bleiben, wirkt dieses Verhalten höchst befremdlich. Auch die in Bewerbungsratgebern verbreitete Devise, Arbeitgeber erobere im Sturm, wer im Vorstellungsgespräch gezielt seine Stärken herausstreicht und sich mit einer Erfolgsstory verkauft, ist das Papier nicht wert, auf dem solche Floskeln gedruckt sind. Dass Bewerber sich selbstbewusst darstellen, ist Dathe zufolge in den allermeisten Kulturregionen, von USA und Großbritannien abgesehen, ohnehin verpönt. "Gelinde gesagt gilt es als arrogant."

Mit der Kultur auseinandersetzen und Besonderheiten verstehen

So weit ließ es Sebastian Sager, 25, erst gar nicht kommen. Nach dem Studium an der HHL Graduate School of Management in Leipzig hängte der Diplom-Kaufmann noch den MBA an der INCAE Business School in Costa Rica dran. Die mit der Harvard Business School kooperierende Ausbildungsstätte hat sich in Amerika auf einem Spitzenplatz etabliert. Seit wenigen Monaten ist Sager in Dubai bei einer Unternehmensberatung aus der internationalen Topliga unter Vertrag. "Wer im Ausland an der Karriere feilen will", so der viel herumgekommene Unternehmensberater, "sollte sich mit der Kultur auseinandersetzen und die Besonderheiten verstehen." Wie zum Beispiel, dass im muslimisch geprägten Wüstenstaat am Golf die Restaurants im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang geöffnet sind oder man sich angesichts der heißen Sommer zwei Monate in geschlossenen Räumen aufhalten muss.

Einen anderen Weg wählte Petra Michaels, 26. Schon als Schülerin war sie gewöhnt, gemeinsam mit ihrer Familie regelmäßig Verwandte in Florida zu besuchen. Besonders der Schmelztiegel Miami mit seiner Mischung aus kubanischer Lebensfreude und internationalem Flair hatte es ihr angetan. Kein Wunder, dass sie auf englisch und spanisch genauso sicher wie in ihrer Muttersprache parliert. Ebenso logisch klingt, dass sie sich nach dem Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität München gleich wieder nach Florida orientierte.

"Mit den Menschen im Süden der USA komme ich schon lange klar", sagt sie. Und auch die typisch amerikanischen Erwartungen an Bewerber schrecken sie nicht. Dass man den Unterlagen wegen des strengen Diskriminierungsgebots kein Foto beifügt und deshalb auch sein Geburtsdatum nicht nennt, war ihr längst geläufig. Auch dass Praktika und Teilzeitjobs als Berufserfahrung anerkannt werden. Und dass im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein selbstbewusstes Auftreten geschätzt ist, auch diese Bedingung löste Michaels, die neben dem Studium als Model gelernt hatte, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, spielend ein. "Morgens gab mir jemand den Tipp, und um fünf erschien ich bereits zum Interviewtermin." Am nächsten Morgen um zehn klingelte ihr Handy: Ihr Managementjob bei der Marketingfirma war unter Dach und Fach.

Bewerber sind im Vorteil, die sich gut auskennen

Wie die Beispiele zeigen, sind Bewerber im Vorteil, die sich schon gut auskennen im Land ihrer Wahl. Mit diesen Voraussetzungen sind sie auch gefestigter als Persönlichkeit, worauf es ganz besonders ankommt, egal wohin es einen verschlägt. "Der Weg ins Ausland ist nicht mit einigen Klicks geschafft", warnt Karrierecoach Julian Simons von Jobtalk.de. "Man muss sich anstrengen und viel Zeit investieren." Am besten, man schmiedet einen Plan, hört sich ein wenig um, setzt sich ins Flugzeug und bewirbt sich vor Ort. "Eine E-Mail-Bewerbung aus Deutschland allein reicht meist nicht aus", so Simons.

Genau darum geht's: Offen sein für Neues, in der Welt herumkommen und Lebenserfahrung sammeln. "Wir leben in einer globalisierten Welt, die von Bewerbern verlangt, dass sie sich auf unerwartete Situationen einstellen können", sagt die Ethnologin Rose Haferkamp, die Studenten an der Fachhochschule Köln gezielt auf die Karriere in fremden Ländern vorbereitet. "Das fällt jungen Leuten leichter, die losgelöst aus ihrem Elternhaus und Freundeskreis gelernt haben, sich immer wieder neu für Menschen zu öffnen."

Dazu entschloss sich auch Diana Werneke, 26. Ehe sie sich an der HTWK Leipzig für den Studiengang "International Management" einschrieb, jobbte sie zwei Jahre als Barkeeper in Sankt Moritz und an der Costa Brava. In einem Crashkurs bei Berlitz lernte sie Spanisch und worauf es im Alltag bei unseren südeuropäischen Nachbarn ankommt. "Älteren Menschen begegnet man dort viel respektvoller als bei uns", hat sie gelernt. "Auch über Kinder wird viel positiver gesprochen." Am liebsten möchte Werneke nach dem Studium wieder in ein spanischsprachiges Land zurückkehren. Ihre Chancen, sich erfolgreich zu bewerben, sind gut. Zuerst würde sie über ihren Gesprächspartner recherchieren, ob er Kinder hat. "Wenn ich das thematisiere, kann ich ein angenehmes Gesprächsklima herstellen. Zusammen mit meinen sprachlichen Fähigkeiten bin ich damit klar im Vorteil."

von Winfried Gertz, freier Journalist






» weitere Karriere-News

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird vom Unternehmen Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie hier. Die Nutzungsbedingungen von "Disqus" können hier eingesehen werden. Die Kommentare werden von access moderiert. Wir behalten uns das Recht vor, ungeeignete Kommentare wie Beschimpfungen oder Beleidigungen ohne Rückfrage zu löschen. Kommentare als "Gast" oder mit einem Link werden vor der Veröffentlichung kurz überprüft. Lesen Sie hierzu auch unsere Netiquette.
blog comments powered by Disqus