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AGG zum Trotz

Bewerbungsfoto hilft der Karriere auf die Sprünge

Wer sich in den USA auf eine offene Stelle bewirbt, sollte seinen Unterlagen lieber kein Foto beilegen. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gilt es als verpönt, sich mit Lichtbild zu präsentieren. Grund: Jeder soll die gleichen Chancen haben. Allein die fachliche Expertise sowie der berufliche Werdegang zählen. Diesem Vorbild folgen seit zwei Jahren auch deutsche Unternehmen. Freilich senden ihnen Bewerber nach wie vor Fotos zu.

Seit das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) in Kraft ist, müssen Stellenangebote neutral formuliert und Bewerber objektiv beurteilt werden. Liegt der begründete Verdacht nahe, der Arbeitgeber würde einen Bewerber etwa wegen seiner Herkunft oder des Geschlechts aussortieren, drohen empfindliche Strafen. Von der neuen gesetzlichen Regelung ist auch das Bewerbungsfoto betroffen, schließlich vermittelt es auf einen Blick, welcher Hautfarbe Bewerber sind und welcher Altersgruppe sie angehören.

Interessant ist, wie unterschiedlich Arbeitgeber und Bewerber mit den neuerlichen Vorschriften umgehen. In Unternehmen hat das AGG dazu beigetragen, dass Rekrutierungsabläufe umgekrempelt und Stellenanzeigen akribisch auf mögliche Fehler geprüft werden, ehe sie im Internet oder in der Tageszeitung erscheinen. "Früher konnte der Werksleiter einen Maschinenbauingenieur selbst suchen", erinnert sich Michael Ecker, Personalleiter von Dorma, einem führenden Anbieter von Tür- und Schließtechnik in Ennepetal. Und heute? "Alles was rausgeht, läuft über eine zentrale Stelle, die schaut, ob es irgendwelche Fußangeln gibt."

Vor allem beim Bewerbungsfoto wollen die Verantwortlichen sich nichts ankreiden lassen. "In den Inseraten gibt es keinen Hinweis auf ein Foto", sagt Simone Wamsteker, Leiterin Personalmarketing bei der Unternehmensberatung Accenture in Kronberg. Ist wider Erwarten doch ein Lichtbild in den eingereichten Bewerbungsunterlagen, habe dies laut Wamsteker keinerlei Einfluss auf die Entscheidung, jemanden auszuwählen. "Die Recruiter klappen das Foto um und schauen sich nur die Fakten an."

Auch bei der Allianz achtet man peinlich genau auf die gesetzlichen Vorgaben. Den Begriff "Foto" sucht man in Inseraten vergeblich. Und wer sich über die Online-Maske auf der Homepage bewirbt, hat gar keine Chance, ein Foto beizufügen. Laut Vera Werner, in der Münchener Pressestelle für Personalthemen zuständig, sei nicht entscheidend, ob Bewerber Fotos einreichen. "Die Fakten zählen. Uns ist wichtig, was ein Bewerber an Qualifikationen und Erfahrungen mitbringt."

Bewirbt man sich bei der Allianz für eine internationale Aufgabe, werden die Unterlagen gleich an die jeweilige Tochtergesellschaft weitergeleitet. "Es gelten die Gepflogenheiten des jeweiligen Landes", erläutert Werner das Verfahren. "Nicht nur in den USA und Deutschland, sondern auch in Spanien, Frankreich, Großbritannien oder Irland ist es Usus, kein Bewerbungsfoto zu verlangen." Etwas anders verfährt der Antiviren-Spezialist Avira in Tettnang. Fragt ein Bewerber wegen der Vorgaben in anderen Ländern nach, "verweisen wir auf Institutionen wie die Industrie- und Handelskammern, die verlässliche Informationen zu dem jeweiligen Land bereit halten", sagt Personalreferentin Renate Rumsauer.

Doch so genau wollen es Bewerber äußerst selten wissen. "Seit das AGG in Kraft ist, hatten wir erst zwei Nachfragen zu Bewerbungsfotos", erinnert sich Rumsauer. Das bestätigt auch Ansgar Kinkel, Leiter Recruiting beim BMW-Consulting-Ableger Cirquent in Frankfurt. "Wir sind oft mit Bewerbungsfotos konfrontiert, die nicht dem Standard entsprechen. Das zeigt auch, dass sich Bewerber nicht den Kopf zerbrechen."

Fakt ist, so sehr die Unternehmen sich auch bemühen, die Vorgaben peinlich genau zu beachten - bei Bewerbern spielt das AGG nur eine untergeordnete Rolle. Sie bewerben sich wie eh und je mit Lichtbild. "Bei elektronischen Bewerbungen, und das ist die überwiegende Mehrheit unserer Bewerbungen, fällt schon auf, wenn einmal kein Foto dabei ist", sagt Frank Widmayer, Personalchef der Softwarefirma CAS in Karlsruhe. Seine Erfahrung deckt sich mit dem Ergebnis einer neueren Umfrage von Stellenanzeigen.de. Demnach würden sich lediglich 13 Prozent aller Befragten an die Vorgabe halten, kein Bewerbungsfoto einzureichen. Drei Viertel hingegen würden ein Lichtbild verschicken, selbst wenn sie nicht ausdrücklich dazu aufgefordert wurden. Ralf Overbeck, ein Karrierecoach in Ratingen, weiß warum: "Der visuelle Eindruck, den ein Foto transportiert, ist Bewerbern einfach wichtig."

Unabhängig ob Personaler oder Kandidat: Laut Overbeck wollen beide Seiten im Auswahlprozess ein Gefühl dafür gewinnen, ob man sich füreinander eignet. Ein Foto würde viel von diesem persönlichen Eindruck vermitteln. "Unabhängig von der Gesetzeslage steht die emotionale Komponente klar im Vordergrund", meint der Coach. Mit dieser Auffassung steht er nicht allein. "Wer seiner Bewerbung ein Foto beifügt, kann davon ausgehen, dass die Resonanz stets viel höher ausfällt als ohne Foto", beobachtet auch die Düsseldorfer Karriereberaterin Cornelia Riechers. Noch deutlicher wird Christiane Erbel, Personalberaterin in Solingen: "Ein gutes Bewerbungsfoto verankert Sympathie bei den Entscheidern, selbst wenn das unter dem Eindruck des AGG nicht zugegeben wird."

Auch wenn sich Unternehmen reserviert zeigen: Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass ein Foto der Bewerbung eine besondere Note verleiht. "Wir schicken keine Bewerbung zurück, wenn ein Foto drin ist", sagt Kinkel von Cirquent und fügt hinzu: "Mit einem guten Foto verkauft man sich einfach besser." Udo Völke, Chef des Recruiting-Dienstleisters TMP in Wiesbaden, drückt es so aus: "Wer Fotos erwartet, aber Bewerbungen ohne Fotos erhält, nimmt einfach andere." Tim Ackermann, Chef-Recruiter von Microsoft, bringt es auf den Punkt: "Wenn jemand ein Foto mitschickt, sage ich einfach Danke."

Ackermann versteht, dass dem Gesetzgeber gerade die emotionale Komponente des Fotos ein Dorn im Auge ist und dies der gewünschten Objektivität im Wege steht. Doch die Personaler geben sich deshalb keineswegs zugeknöpft. "Spätestens im Vorstellungsgespräch kommt die Emotionalität wieder hinein", sagt Ackermann. "Das kann bei gleicher Qualifikation den Ausschlag geben."

AGG hin oder her - in Zeiten des Internets wäre eine restriktive Handhabung von Bewerbungsfotos geradezu lächerlich. Absolventen sind in Blogs und Communities unterwegs und besitzen Facebook-Einträge. "Heute haben Bewerber viel weniger Hemmungen, über sich als Person Auskunft zu geben", stellt auch Dorma-Personaler Ecker fest. Karriereberaterin Riechers weiß genau, wie die Recruiter ticken: "Bewerber tun sich keinen Gefallen, wenn sie bewusst auf ein Foto in ihren Unterlagen verzichten."






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