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Nicht perfekte Lebensläufe

Bewerbungsmappe

Eigentlich fing ihr Berufsweg viel versprechend an: Nathalie Kirchhoff hatte ihre Abiturprüfung mit "Sehr gut" bestanden, jobbte dann ein halbes Jahr in den USA, studierte BWL an der Fachhochschule und schloss den Studiengang schnell und gut ab. Bei ihrem ersten Arbeitgeber, einem Versicherungsunternehmen, war Mobbing allerdings das liebste Hobby der Kollegen - deshalb warf sie nach einem Jahr das Handtuch und wechselte zu einem Mittelständler in der Versicherungsbranche. Hier kam sie mit dem Chef nicht zurecht, kündigte nach wenigen Monaten und wechselte zu einem anderen Mittelständler. Hier war sie völlig unterfordert, kündigte nach kurzer Zeit wieder und hielt sich dann mit Aushilfsjobs über Wasser - in Kneipen, Sonnenstudios etc. Aus dieser Situation heraus zurück in einen qualifizierten, gut bezahlten BWLer-Job? Das erwies sich als unmöglich. Also absolvierte die Betriebswirtin eine vom Arbeitsamt bezahlte Fortbildung zur Personalreferentin und schloss diese ausgerechnet in der beginnenden Rezession ab - als die Unternehmen ihre Personalabteilungen abbauten. "Ich dachte, dass ich mit meinem Lebenslauf keinen Blumentopf mehr gewinnen kann", erinnert sich die heute 30-Jährige.

Mehrere Jobs zusammen fassen

Ein kurviger und lückenhafter Lebenslauf ist überhaupt kein Grund zur Verzweiflung - davon ist Jürgen Hesse, Psychologe und Autor zahlreicher Bewerbungsratgeber, überzeugt. In seinem aktuellen Buch "Die perfekte Bewerbungsmappe für nicht perfekte Lebensläufe" zeigt er mit vielen Beispielen, wie "Lebenslauf-Tuning" funktioniert. Die Publikation richtet sich zunächst an Nicht-Akademiker, im Sommer dieses Jahres soll ein zweites Buch erscheinen, das auf Hochschulabsolventen zugeschnitten ist. "Fassen Sie Zeiträume mit mehreren kurzfristigen Jobs unter einem Thema zusammen", rät Hesse in Fällen wie dem von Nathalie Kirchhoff. "Berufserfahrung in der Versicherungsbranche" könnte dann über ihren ersten drei Jobs stehen. Wer nach wenigen Monaten gekündigt hat oder sogar in der Probezeit entlassen wurde, kann dies auch "als Projekte tarnen", so Hesse. "Drei erfolgreiche Projekte innerhalb eines Jahres" - das klinge in den Ohren eines potenziellen Arbeitgebers sehr viel besser als "drei Mal in der Probezeit versagt". Bitten Sie Ihre Ex-Arbeitgeber um ein Zeugnis, in dem Ihre Tätigkeit offiziell als Projekt beschrieben wird. Wenn Sie Ihre Situation erklären und sich einigermaßen freundlich voneinander getrennt haben, werden Ihre Ex-Chefs sich vielleicht dazu bereit erklären - Nachfragen lohnt sich auf jeden Fall.

Lieber ehrenamtlich als gar nicht arbeiten

Dass Hochschulabsolventen heute ein halbes Jahr oder noch länger nach ihrem ersten Job suchen müssen, ist nicht außergewöhnlich. Trotzdem muss das entstehende Loch im Lebenslauf gut gefüllt werden: "Schreiben Sie sich in Fortbildungskurse ein oder absolvieren Sie Praktika", legt Jürgen Hesse jungen Bewerberinnen und Bewerbern nah. Auch ehrenamtliche Arbeit, etwa bei der Telefonseelsorge, mache sich im Lebenslauf besser als eine gähnende Lücke. Oder eine große Reise: Wer mehrere Monate oder sogar Jahre lang durch die Welt gefahren ist, muss das nicht verschweigen – im Gegenteil. "Präsentieren Sie Ihre Reisen stolz und erklären Sie, was sie bei Ihnen bewirkt haben", rät Jürgen Hesse. Wenn Sie heil von einer Weltreise zurück gekommen sind, spricht Ihnen jeder Personaler Fähigkeiten wie Sprachkompetenz, Durchsetzungsfähigkeit und Weltoffenheit gerne zu. Das hat Martina Karlsen gerade erlebt. Nach einer abgebrochenen Promotion im Fach Chemie ist sie vier Monate lang durch Südamerika getourt. In einem Internet-Café in Bogota kam sie auf die Idee, sich aktuelle Stellenausschreibungen deutscher Unis anzuschauen - und bewarb sich spontan per E-Mail auf eine Doktorandenstelle. "Mein Ansprechpartner war sehr beeindruckt davon, dass ich mich aus Südamerika gemeldet habe", blickt die Chemikerin zurück. "Er war gleich überzeugt davon, dass ich ein großes Durchhaltevermögen haben muss, um eine so lange Reise durchzustehen." Dass sie schon einmal eine Promotionsstelle an den Nagel gehängt hatte, interessierte den Wissenschaftler nicht besonders.

Krisen gehören nicht in den Lebenslauf

Eine abgebrochene Promotion oder ein geschmissenes Studium sind im Lebenslauf nicht tragisch, so lange man sein Durchhaltevermögen an anderer Stelle unter Beweis stellen kann. Oder eine plausible Erklärung für den Abbruch liefert: "Sie müssen an diese Erklärung nicht unbedingt selbst glauben, sie muss aber glaubhaft klingen", sagt Jürgen Hesse.

Wirklich problematisch sind krankheitsbedingte Auszeiten: Eine Entziehungskur, ein Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, eine schwere Operation. Am einfachsten ist es, wenn so etwas während der Unizeit passiert. Dann muss es nicht unbedingt erwähnt werden – schließlich ist kein deutlich sichtbares Loch im Lebenslauf entstanden. Wer aber seinen Job zeitweilig aufgeben musste, sollte sich gut überlegen, ob er mit offenen Karten spielt: Es gibt zwar durchaus Personaler, die großen Respekt vor gemeisterten Lebenskrisen haben, für viele sind derartige Probleme aber ein Aus-Kriterium.

So wichtig ein logisch aufgebauter, auf die jeweilige Stellenausschreibung zugeschnittener und positiv formulierter Lebenslauf auch ist: "Selbst die besten Bewerbungsunterlagen können keinen Arbeitsplatz ‚erobern', sondern nur Sie persönlich in einem Vorstellungsgespräch", schreibt Jürgen Hesse in seinem Buch. "Ziel ist also die Einladung zu einem solchen Vorstellungsgespräch, das Ihnen diese Möglichkeit des persönlichen Auftretens und Überzeugens bietet." Dieser Schritt brachte auch für Nathalie Kirchhoff den Durchbruch: Ihr jetziger Arbeitgeber legt zwar viel Wert auf Ihre "Erfahrungen in der Versicherungsbranche" und fand sie im Vorstellungsgespräch aber vor allem sympathisch - weil sie aus der gleichen Gegend stammt wie er.

Link-Tipp:
www.berufsstrategie.de






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